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Der Vampir

Der Seilgänger

Bürger Moses

Das Silberfischchen    

Ein Café-Dialog

 

 

 

 

Dieser ziemlich allgemeine Überbegriff sei ohne lange Vorrede mit recht  unterschiedlichen Texten - meinen bewährtesten und am häufigsten publizierten - gefüllt.
Für Kommentare und Fragen immer offen: Werschs Mailnische.

Das Copyright aller Texte liegt bei mir, weshalb sie nur zu privatem Gebrauch kopiert und in keinerlei Rahmen der Öffentlichkeit präsentiert werden dürfen!

 

Der Vampir

Es darf nicht wahr sein: zähfließender Verkehr! Das hat mir grade noch gefehlt! Da kriechen einem schon die ganze Zeit diese Schrottvehikel und Sonntagsfahrer und fetten Ochsen von Lkws vor der Haube rum, daß man höchstens mit hundertvierzig vorwärtskommt und dauernd in die Eisen steigen muß, und jetzt muß sich das Blech auch noch wie in ‘ner trocknen Fotze zusammenstauen!
„Und nun, speziell für alle Könige der Landstraße, die uns zuhören, ein Song von Johnny Cash."
Für die Hühnerficker auch noch! Schon seit ich's anhabe ist das Gedudel zum Käsfuß-Einschlafen. Wenn sich ein Stau zusammenbraut, hört man's bei denen eh immer zu spät. Hurenbande, und dafür zahlt man noch Gebühren!
Aber was ist hier eigentlich los? Sind die Idioten da vorn eingeschlafen oder - hat's vielleicht ‘nen Unfall gegeben, ist da vielleicht was zu sehn? Sowas müßten diese Radiofritzen doch prompt melden, wenn man hier seit Stunden unterwegs ist, wofür sind die da. Lassen wir's halt über uns ergehen, als wären wir nicht schon müde und genervt genug von der Lahmarscherei die ganze Strecke.
So, nun hängen wir also Stoßstange an Stoßstange, gleich klebt alles ganz fest. Aber hee, was gibt's da vorne? Rauchwolken, Blaulicht! Da muß es ordentlich gekracht haben! Und ganz frisch! Und ja, jetzt seh' ich's, auf meiner zuckelt's gottseidank weiter: Das ist auf der Gegenspur! Spitze! Ganz links fahren, ist schließlich Vorschrift im Stau!
Haha, da macht doch jeder vor mir langsam, um zu gaffen. Nur gemach, dann kann ich länger gucken. So, gleich komm' ich auch dran! Is' ja irre: drei Wracks! Eins brennt wie ‘ne Fackel! Die hat's erwischt, so ist's halt, wen's trifft den trifft's und besser die als mich. Zwei liegen da auf der Straße, pah, alles voll Blut, ein Mann und ‘ne Frau, jetzt deckt ein Polizist sie zu. Wahnsinn! Anhalten: So ‘nen großen Unfall hab' ich noch nie von so nah gesehen! Steckt etwa noch einer in den Blechknäueln drin? Oder in der brennenden Kiste sogar?
Huch, da rennt ein Bulle her. Wie der fuchtelt und brüllt, der Blödmann, hab' ja kaum den Kopf aus der Tür gestreckt! Jaja, bin doch schon weg...
Ha, was für ein Glück gehabt! Und weil sich die Gaffer da-hinten die Augen ausglotzen, bleibt meine Bahn jetzt frei! Klasse! Und Vollgas, ab geht's, besser als jede Kaffeepause hat das getan. Weit genug hab' ich's immer noch, aber nun bin ich richtig fit und frisch!
Was rattert da so? Ach, ein Rettungshubschrauber trudelt herbei. Doppeltes Schwein für mich: Schnell durch und noch alles geblickt!
„Wir unterbrechen für eine dringende Durchsage: Stau in beiden Richtungen auf der A 66 zwischen Ahringen und Zettburg wegen Unfall."
Ätschibätschi, du Mikro-Tunte, viel zu spät! Jetzt hängt ihr alle drin und kriegt trotzdem nichts mehr mit! Hach ja, so geschieht's uns eben allen recht...

 

Der Seilgänger

Das Gehen auf dem Seil unterliegt besonderen Gesetzen: Kein Schritt darf dem Zufall überlassen sein, jeder muß in seiner Richtung, Schnelligkeit und Größe sowohl genauestens vorausberechnet als auch ausgeführt werden. Dies bedeutet, daß die Gedanken jeden Tritt mit Aufmerksamkeit bestimmen müssen, daß ihnen kein beliebiger unterlaufen darf, kein wahl- und willenloser Schlenker oder Hüpfer. Sie sind verpflichtet, sich und die Schritte stets in die gemäße Form zu zwingen, die keine Abschweifung duldet. Aber nicht nur der Geist, auch der Körper muß sich bis in seine letzte, viel-leicht störende Faser bewußt sein und solche dem Gang unterordnen. Die Schmerzen, welche das Seil in die Fußsohlen drückt, dürfen noch nicht einmal zu einer Veränderung der Gesichtsmiene führen, da sie bereits das Gleichgewicht verletzen könnte. Auf unvergleichliche Weise erfährt der Geher so Proportionen und Schwereverhältnisse seines Körpers, da keine Bewegung ungewollt oder versehentlich falsch ablaufen darf. Diese stärkste Konzentration aller geistigen und körperlichen Kräfte, ihr nahtloses Zusammenspiel bedingt, ist sie doch tatsächlich bei jedem winzigen Schritt vonnöten, daß das Gehen bis ins Letzte konsequent, gerichtet und intensiv wird. Mit den Gedanken selbst verschmilzt es schließlich, wird zum Zeichen ihres Flusses, der sich mit Macht und Tiefe vorwärts schiebt.

Ich gehe auf dem Seil, seit es mich gibt. Das Gespür für seine Gesetze ist mir bis ins Instinkthafte eingeprägt. Jeden Schritt, ein Schwingen fein bewirkend, fühle ich in mir, muß ganz sein vorsichtiges, aber entschlossenes Tasten und Reiben am gedrehten Gewirk des Seiles sein. Über den Zwang, stets nach vorn zu gehen und auch zu blicken und dabei zu vergessen, das hinter mich Gegangene zu erforschen, welches doch für mein Schreiten genauso wichtig und würdig ist wie meine Gehrichtung, habe ich nie nachgedacht. Es scheint sich ebenfalls um eine mir längst zu eigen gewordene, unleugbare Gesetzmäßigkeit zu handeln. Stillstand ist mir verhaßt, obwohl ich ihn ab und an benötige, wenn meine Konzentration nachläßt und ich nicht mehr fähig bin, den Eigenheiten des Seils zu folgen, weil die Schmerzen in Füßen und Beinen unerträglich werden. Mit einer speziellen Technik lege ich mich dann zu einem erholsamen Schlaf nieder auf das Seil: Die Arme sind über der Brust verschränkt, während sich der Rücken exakt dem Seil andrückt; der Hinterkopf muß es in der schmalen Spalte seiner Mitte bergen, die Wirbelsäule preßt daran, vom Nacken zwischen den Schulterblättern hindurch zum Gesäß, durch dessen mittleren Öffnungsschlitz es führt, um die gekreuzten Beine an den Waden zu stützen. Einzig in dieser Stellung ist Liegen und damit Schlaf auf dem Seil möglich. Er währt, bis mich ein krampfer Schmerz im Rücken weckt, so daß ich endlich, an den Beinen erholt, meinen Gang fortsetzen kann.

Jener zyklischen Abfolge meines Lebens und Gehens entspricht auch die Ordnung des Seils. Niemals habe ich bemerkt, daß es sich in Dicke, Materialbeschaf-fenheit oder Straffheit während meines Weges im geringsten veränderte. Allerdings ist es nicht genau senkrecht zur Schwerkraft gespannt, sondern leicht nach unten geneigt, was das Gehen wesentlich unbequemer und schwieriger gestaltet als eine waagerechte Spannung oder eine nach oben gerichtete. Das Einzige, was außerdem für nicht mit ihm Vertraute auffällig wäre, ist seine Färbung und ihr regelmäßiger Wechsel. Es kommen vier Farben in einer stetig gleichen Reihenfolge vor: Grün, Rot, Braun und Weiß. Der Abschnitt einer Farbe entspricht einigen Gehphasen, jede Farbe ist so häufig wie die anderen. Ihre Strecken sind nicht mit einem Blick zu übersehen, erscheinen aber trotzdem niemals langgedehnt. Der Wechsel der Farben ist abrupt, ohne Übergang. Sie üben auf den Geher eine seltsame, fast magische Wirkung aus.

Die grüne Strecke wandelt mein Befinden immer positiv, die Schritte werden mühelos und leicht; es käme mir kaum in den Sinn, daß es jemals anders werden könnte. Aus diesen Gründen ist es verständlich, daß mir der grüne Abschnitt stets kürzer als alle ande-ren verkommt, was allerdings, wie ich durch Zählen meiner Schritte prüfte, pure Illusion ist. In Rot steigert sich der Übermut der vorangegangenen Strecke derart, daß er manchmal ins gegenteilige Extrem fallen kann. Rot ist deshalb stets erregend, aber sehr anstrengend, schon voll Vorfurcht auf das Kommende, was erklärt, daß Gehen dort oft allzu hastig oder ermüdend ist. Obwohl man sich dann unversehens in Braun befindet, will man es zu Anfang nicht wahr haben und bildet sich wei-ter Rot ein. Aber Braun ist da, das Drängende, Entschlossene liegt nun nieder; es stirbt Mut für Mut, Tritt für Tritt weg. Alle Wechsel, ihre Schnelle haben mich zu schnödem Überdruß geführt. Immer öfter überwältigt nun die braune Sperre, die nicht mehr nach vorn gehen lassen will, die Frage, wozu gehen und sich mühen, wieso nicht einfach liegen bleiben. Vorträumend zu Grün ist es weiß geworden. Man schleppt sich dahin, haßt die eigne dumme Schwäche und das Seil, geht aber trotzdem im bittren Weiß voran, da man auf das neue Grün hofft, das wieder sturen Mut mir leihen wird, weiter jenen vierfarbigen Seilkreis streng gerade, stetig abwärts hinzugehen.

Dergestalt mit mir selbst und dem Seil beschäftigt, bleibt kaum Zeit und Aufmerksamkeit für meine Umgebung übrig. Was ich dazu vermerken kann, ist der periodische Wechsel von Dunkel und Hell, um den ich mich wenig kümmere, da sich dies nur störend auf mein Gehen auswirken würde. So bevorzuge ich je nach Laune einmal die Dunkelheit, dann wieder die Helligkeit. Wenn ich in letzterer etwas ausschaue, bietet sich mir stets ein recht ähnliches Bild: Nach oben ist die Sicht immer in eine ungreifbare, dichte Grauheit verloren, sei sie eine Wand oder nichts. Zu beiden Seiten wallen meistens dicke, graue Dämpfe, durch welche selten, eine klare Weite, schönes Blau zu erblicken ist. Die Dämpfe quellen von unten herauf, decken die Sicht hinab meist gänzlich ab; ist sie dennoch möglich, fallen meine Augen in ein randloses Loch, das wahrlich erschreckend anmutet.

Alle diese Beobachtungen sind jedoch eher flüchtig gewesen, bis sich in der Tiefe etwas veränderte. Als die Grauschwaden wieder einmal dünner wurden, erkannte ich weit unter mir festen Boden, der unre-gelmäßig mit grüner und brauner Farbe gescheckt und dessen Ende nirgends zu erkennen war. Eine nie gekannte Neugier packte mich, dieses schier unglaubliche Phänomen näher zu untersuchen; ich beschleunigte meine Schritte, um dem Boden näherzukommen, da das Seil wie gewöhnlich schräg hinunterführte. Ich vergaß alles, was mich vorher beschäftigt hatte, und überlegte, ob dieser Boden das Ziel des Seils sei, ob er sein Sinn und sein Halt war, mußte es doch in dieser Richtung einfach in ihm verschwinden, was wäre anderes zu erwarten gewesen. Endlos langsam kam ich tiefer hinab, konnte Einzelheiten und Konturen, aber weiterhin nichts Auffälliges erkennen, bis ich endlich, nachdem ich mehrere Farbzyklen des Seils durchgangen war, was ich jedoch nicht mehr beachtete, dem Boden so nah war, daß ich, wenn ich mich mit dem Bauch auf das Seil legte, hinunter greifen konnte. Ganz schien das Seil den Boden nie zu berühren, obwohl ich merkwürdigerweise weiter glaubte, abwärts zu gehen. Der Boden bestand aus feinkörnigem, braunem Sand, der hin und wieder mit wunderbar frischem grünem Gras, sogar vereinzelt mit Blumen bewachsen war. Dies alles war mir so aufregend unbekannt, schön und verlockend, daß mich ein ungeheurer Gedanke ergriff: Warum nicht schlicht vom Seil abspringen, hinab, wenn dies wahrscheinlich doch das Ziel war? Es wäre ein Leichtes gewesen, aber ich wagte es nicht. Wußte ich, ob ich mich dort überhaupt bewegen konnte, ob dort dieselben Gesetze herrschten wie bei mir, hier auf dem Seil? Konnte ich dort gehen und existieren?

Aber den Boden berühren, ihn ein wenig erforschen mußte möglich sein. Also legte ich mich auf das Seil, hielt mich mit der einen Hand fest, um mich hinabbeugen und in den Grund greifen zu können. Es war ein fremdes, seltsames Gefühl, den zarten, warmen Sand zwischen den Fingern gleiten und fließen zu lassen, wenn man nie etwas anderes berührt hatte als das kalte Metall des Seils. Ich genoß es und versank völlig darin, begann Hügel und Gräben zu schichten, streute den Sand in mein Haar, um immer seinen Geruch um mich zu haben. Schließlich fing ich auch an, in ihn zu zeichnen, vage Striche, die eine mir selbst ähnlich Figur darstellen sollten. Aber solch flaches Einritzen allein genügte mir nicht, ich suchte nach Genauerem, wollte eine tat-sächliche Form schaffen. Ich hatte festgestellt, daß der Sand mit meinem Speichel vermischt rasch zu einer harten Masse erstarrte. Dies machte ich mir zunutze und begann, mit meiner freien Hand mühsam eine Figur zu kneten und mich selbst, einen zweiten Menschen darin zu sehen. Es brauchte sehr lange, bis ich nach vielen Korrekturen und sogar gänzlichen Neuanfängen endlich einigermaßen zufrieden war. Doch trotz dieser Anstrengung fühlte ich mich keineswegs ermüdet, ich ließ die Figur liegen und kroch ein Stück auf dem Seil weiter, wo ich Gras und Blumen fand. Ich pflückte solche, die gleiche Farbe und Form hatten und trug sie und das Gras vorsichtig, um sie nicht zu zerdrücken, zu meiner Figur zurück. Ich hüllte nun den kleinen Menschen mit den Grashalmen in ein grünes Kleidchen, die Blumen dienten mir zu einem zartblonden Haarschopf. Als alles vollendet war, konnte ich es kaum genug betrachten und bestaunen, auf das Seil holen, zwischen Gras und Blumen setzen und mich besonders an den zaghaften, aber stets flinkeren, anmutig-leichten Bewegun-gen, die es vollführte, erfreuen. Zusehends wuchs es größer, konnte zu mir aufs Seil springen und wieder zurück, ja es begann gar mit mir zu reden, mit einer viel helleren und sanfteren Stimme als der meinen. Es war wohl das beeindruckendste Erlebnis, das mir all das Ungekannte brachte, obwohl es mir in Träumen und Sinnen schon vorgeahnt schien: Der Mensch sprach mit mir! Wir erzählten uns, was wir nur wußten und dachten, ich insbesondre vom Seil und meiner Vergangenheit. Der Mensch nahm mich bei der Hand, berührte mein Haar und forderte mich auf, das Seil zu verlassen; er wisse, wie unbequem und unsicher es dort sei. Er pries mir den Boden mit seinen Worten und seinen Händen, er flehte mich an, zu ihm zu kommen, immer bei ihm zu blei-ben und die freundliche Schönheit der Pflanzen und anderer Wesen, von denen er mir lange berichtete, mit ihm zu teilen.

Vieles zog mich zu ihm, aber meine alten, berechtigten Zweifel waren stärker. Auch fühlte ich eine Unrast, die mich wieder und weiter gehen hieß. Erst wenn das Seil ganz in den Boden führte, konnte ich dorthin gelangen und mußte wohl oder übel auch die Umstellung auf mich nehmen. Aber springen durfte ich nicht, ich mußte gehen. Der Mensch versuchte es mit Zorn und Bitten, wanderte neben mir, doch der Boden fiel jetzt steiler ab als das Seil, der Höhenunterschied nahm zu. Sein Rufen, ich solle rück-wärts gehen, schmerzte mich, vermochte jedoch nichts zu erreichen. Als der Abstand so groß war, daß wir uns nicht mehr die Hände reichen konnten, sah ich entsetzt, wie sein Gesicht staubig, das Kleid dürr und die Haare welk wurden. Schon sackte er zusammen und lag dort als ein Häufchen brauner Sand. Ich konnte den Anblick nicht ertragen, ging eiligst weiter und achtete streng auf die Farben des Seils und das Gehen, so daß, wieder nach einigen Farbzyklen, der Boden zunächst unter Rauch verschwand, der später manchmal neuerlich das grauenhafte Loch durchscheinen ließ, als sei es nie an-ders gewesen.

Erst jetzt wagte ich wieder, mich mit dem Boden zu beschäftigen, wissend, daß ich nie würde zurückkehren können. Wäre es nicht damals sehr einfach gewesen, das Seil zu verlassen, da ich doch den Sand und die Pflanzen fast schon geliebt hatte und ich auf dem Seil vielleicht nirgendwohin komme? Besonders quälte mich seit der Begegnung mit dem Men-schen ein Drang, wieder zu sprechen; durfte ich denn nie mehr zuhören und eine Hand berühren? Wie einfach stellte es sich damals vor...

Aber unumstößlich richtig war meine Entscheidung. Das Seil beinhaltet mein ganzes Leben, ich bin von ihm abhängig, auch wenn ich an ihm zweifle. Und wie schnell konnte ich die erhabene, tiefe Intensität, die Gewalt meiner Schritte und das schwindlig-feine Schwanken über dem Abgrund, die Antwort des Seils, ver-gessen. Wußte ich, ob ich auf dem Boden über-haupt stehen gekonnt, ob ich einen Instinkt für die Schritte, für ihre Richtung gehabt hätte? Es ist zudem unwahrscheinlich, daß ich den Verlust all des Gewohnten verkraften würde. Meine persönliche Entfaltung, mein Denken steckt im Gehen auf dem Seil, das hatte ich während meines Stillstandes gespürt, wo es mir körperliches Bedürfnis war, wieder zu gehen. Der Mensch, der Boden mit allen ihren Auswüchsen gehören nicht zu mir, sie dürfen nicht das Meine sein und hät-ten mich darum auch bald abgestoßen, gelangweilt. Bewies mir zudem nicht das Ende des Menschen, daß alles nur eine Täuschung oder zumindest eine Lüge gegen mich selbst gewesen war? Ich habe mittler-weile öfter ein sicheres Gefühl, der Boden sei eine Halluzination, eine Abschweifung meiner Gedanken gewesen, besonders, da er so we-nig in die normale Umgebung des Seils paßte. Im Grunde genommen war es eine Sünde, mich so lange abhalten, sogar aufhalten zu lassen. Wer weiß, wo ich jetzt schon hinge-langt sein könnte. Ich darf diesem Trug nicht gestatten, mich zusätzlich auch jetzt noch durch Störung meiner Konzentration zu belasten. 

Bürger Moses

Wüsten sind die Appartements: Statt Sand und Stei-nen Mauern und Möbel, statt Sonne Neongrelle im Zenit; nur daß die Wohnöden zu allen Horizonten reichen und in der Höhe an Wolken kratzen.
Dort, ameisenklein, trifft man Moses, den Wüstenpropheten und Mietshäftling mit Schlüssel und U-Bahnticket; nur daß ihn sein Volk nicht hört und die unauserwählten Nachbarn lärmempfindlich sind. Zwar vierzig lebenslängliche Jahre Gefangener dieser Wüste, ist ihm jedoch einfach das Labungswunderstück: Tippt er mit dem Krückstock (er erlitt einen Treppensturz vom Gipfelstockwerk) an die richtige Stelle der Flimmerglaskiste, so rauschet aus der Scheibe die fernher gezauberte Bilderflut. Gesegnet ist dies, da keiner drumherum wird tanzen wie um ein goldenes Kalb, ist's doch nur von einer Seite sehenswürdig.
Doch die dunkeln Nächte des Sehers! Zwischen den Steinen der Wand: die Mörtelgitterstäbe! Er ruft die Worte seines Herrn, streckt aus die Arme, kratzt in Zement bis aufs Blut mit den Fingern. Sein demütig-inbrünstiges Gebet findet die feinen Ritzen, durch die er hinausphantasiert, und sein Geist schwebt hinan über die Welt, des Herrn zusammenexperimentierte Materie. Die Glocke der Ewigkeit tönt ihm durch die Seele, umläutend Menschenzeit und Sternenraum, übertönend das Gezisch der lauernden Auto-, Kassen-, Schalterschlangen des Bösen!
Und diese Schauerläutrung, sie ist des Propheten Meisterschau! Befördert der Glöckner seinen besten Knecht zum heiligen Messias? - Aber will er sich erheben, zu verkündigen den Männern und Frauen, wie packt seinen geweihten Sinn die Anfechtung des einsamen Sehers! Es gab ihm die Vorsehung nur eines Videos, nicht des Pharaos, nicht eines Hohen oder eines Niedren Tochter zum Weib, daß sie zur Nacht teile sein Lager. Keine gelüstete nach seinem, keine lobte sein Geschlecht wie die Herr doch seine Taten.
Er geißelt Hoden und Lippen, bis er zerknirscht. Wann wird er erlöst sein von schnöder Welt, tauber Umwelt und dem üblen Fleisch seines Konsumentenkörpers?
Jedoch des Morgens findet wieder er in seine Sendung, daß er baue und bessre das Erdenjammertal zur Stadt und Stätte des Herrn. Dank den Wüsten, denn hier, fern von eitlem Prunk und sündiger Wollust, lebt nichts denn der Geist des Herrn, darum schenkte er Wüste, daß jeder deutlich die Zeichen erkenne! Und Dank dem Fernsprecher, durch welchen Moses die heilige Gnade nach durchvisionierter Nacht aufruft:
- Hier spricht dein Herr! Eile nun in der Frühe gemäß meinem Willen und folge deiner Pflicht! Fünf der Gebote, die mein Geist gewährt, neuerlich seien du und deine knappere Zeit zu ihnen gemahnt. So höre jetzt mein ewiges Wort:
„Du sollst keine Obrigkeit haben außer mir und dir kein Bild und keine Vorstellung machen, was die Höchsten im Himmel und auf Erden tun."
„Du sollst sechs Tage in der Woche arbeiten und alle meine Geschäfte verrichten."
„Du sollst Vater und Mutter ehren und deinem Volk in die Rentenkasse zahlen."
„Du sollst nicht Haus und Frauen der Höchsten begehren."
„Du sollst nicht denken, dein Herr lege falsches Zeugnis oder falsche Zeitung wider dich ab."
Und siehe, ich bin ein eifersüchtiger und wachsamer Herr! Nun gehe hinaus und befolge mein Wort, bis daß der Tod sowohl Leid als auch Freude beendet und es dir lohne!

Das Silberfischchen

Enge! Schier rührungslos fängt es mich um! Pressen! beißen dagegen! Knirrend, kühl zischt ein Riß ins Eng! Beißen! pressen!

Plopp! Am Beißen bricht's. Kälter dort streift's mich. Doch ist feuchtes Finstrum! das ich suchen muß. Aus Abbröckeln drücke, schlüpfe ich. Wittern! Neben sind schmacklose Enden. Aber Warm vorn, nah! Nest! - Blindend ein Lichtsplitter! Ducken! Doch Nestlinge, im Feucht! Ich schmecke, dazwischen, mich selbst. Hier ist mein Bleiben! Säubern; und Täubnis...
 

Es quetscht! quetscht mich! Warm ist und Feucht im Nest. Weh das Quetschen! Am Spalt der Höhle harren die Nestlinge. Schnuppern, lugen hinaus! Es quetscht mich! Finstrum tief auch draußen. Feucht und Warm sickert uns entgegen; wir steifen nicht! Keine Gefahr! Es drängt das Quetschen hinaus. Und Rennen nun, huschig, und Ducken! Wittern! eng am End, das neben mir hochsteht fest um den Höhlenspalt.

Ducken! Schmecken Wittern! um mich nach Lebem oder Gefahr. Finstrum Warm Feucht überall! Rennen weg weiter vom End! Ducken jetzt! Wittern Schmecken! breite ich um mich. Weh es quetscht! - Auf Ebnem, das rauh ist, liege ich. Trockner Staub klebt in Furchen, riechlos-kalt! Umschnüffeln muß ich, beschmecken, doch stanklos! nichts ist irgend! Kein Lebes! Es quetscht! quetscht mich! Ich säubre mich unten; renne! renne!

Ducken! Schnuppern! Keine Gefahr ist zu erspüren. Doch Lebes! Lebes, das reglos liegt auf dem Ebnen! Lebes, das reglos stinkt! ein Brocken. Es quetscht! Schaufeln nun! Schaufeln! Schaufeln das matschig-feuchte Lebe! Schaufeln, Hacken, da es nicht schmeckt nach Flucht! Flecken kleben feucht im Rauh des Ebnen. Saugen! saugen ein! Und Rennen! ich renne zum End! Ducken! Quetschen! bei mir, nun tiefer unten. Schnuffeln Kosten! breite ich um mich.

Lebes! Lebes, das reglos stinkt! Ich schaufle das knirschig-zähe. Der Klumpen birstet; dickes Feucht wälzt heraus. Ducken! Doch kein Ruch von Gefahr! Schaufeln! schaufeln und saugen! - Licht! ein Funken! Rennen zum End! Ducken! Das End. Licht!: greller, schmerzender! Ich steife; säubre mich unten. Am End entlang schnobre ich nach dem Spalt, taste nach dem Nest. Rennen. Kriechen. Das Licht: trocken, kalt! In den Spalt schlüpfe ich. Es riecht nach mir selbst. Die Nestlinge, ruhig. Feucht und Warm! hinein ins Finstrum krieche ich; säubre mich; Täubnis...
 

Es quetscht! quetscht mich! Warm ist und Feucht im Nest. Am Spalt harren die Nestlinge. Licht blindet! Licht! doch feucht und dunkel. Weh das Quetschen! Durch den Spalt sickert Feucht und Warm. Licht!

Harren am Finstrum. - Die Nestlinge rennen, ich renne am End entlang. Ducken! Wittern! Kein Ruch von Gefahr, kein Lebes! Oben wischen über mich sachte Stöße. Wechsellos. Feuchte Stöße der Luft. Überall Finstrum und Warm! Feuchte Flecken koste ich auf dem Rauh des Ebnen! Saugen! saugen das Feucht. Es quetscht mich! Kein Duft von Lebem! Saugen das Feucht! Rennen weg vom End! Über mich Spritzer von Naß, schwappend aus den Luftstößen. Ducken! Das Quetschen! Ich säubre mich unten; schnobre ab das Ebne nach Lebem!

Weh das Quetschen! Im feuchten Finstrum rennen, tasten nach Lebem! Ich spüre, duckend, das End. Es quetscht mich! Hoch renne ich am End! Ducken! Kein Ruch von Gefahr! Es zieht mich nach unten. Die Luftstöße, naß und schwer! Ich bekoste trocknen Staub. Kein Duft von Lebem! Rennen, wohin es mich zieht! Am End, auf rauhem Ebnen, ducke ich. Das Quetschen! Ich renne! wittre!

Geschmack von Lebem, feuchtweich! Ich schaufle! schaufle. - Ducken! Kein Wischen der Luftstöße mehr über mir! Rütteln aus dem Ebnen! Ich rasche rasche! Und ducke! Licht!! brennt! steift mich! Licht! doch feucht. Zischig stößt Luft auf mich! Naß peitscht! Brocken, fleischstinkend, prasseln! Schlag, daß ich unten einknicke!: Raschen! ich rasche! Schlag, bebend durch das Ebne! Feuchtes Licht, Luftschläge, Beben der Tohu, der riesigen! Ich rasche! ducke! rasche! Bebschlag! Staublawinen und Naß! Ans End rasche ich! Naßstöße, Licht der Tohu! Rütteln zerrt durch mich! Raschen! Ein Spalt im End! ich witsche hinein! Ducken! Kein Ruch von Gefahr, von Lebem. Es quetscht mich! - Am Spalt harre ich. Stöße, dunkel-feuchtes Licht der Tohu. Und Spuren ihres Fleischgeruchs. Quetschen! Doch Feucht und Warm! Und ich säubre; Täubnis...
 

Es quetscht! quetscht mich! Finstrum ist um den Spalt. Am End renne ich entlang. Ducken! Wittern! Das Feucht sauge ich. Warm wischen die Luftstöße der Tohu, die reglos ist im Finstrum. Weh es quetscht mich! Kein Erspüren von Gefahr, von Rütteln im Ebnen! Finstrum! Ich renne, schnuppre weg vom End.

Lebes, das reglos stinkt! Feucht und schmackig! Ich schaufle! schaufle das Lebe! Es riecht nach Nestling, aber reglos, nach mir selbst. Ich schaufle das große Lebe, den leben Nestling. Um ihn schnüffle ich Fleisch der Tohu. Das Quetschen! Im feuchten, wechsellosen Strom der Luft schaufle ich. Still liegt und rauh das Ebne. Im Finstrum ist sanft die Tohu. Schaufeln! saugen am reglosen Nestling! und den Brocken der Tohu! Steif dringt in mich.

Am End renne ich. Ducken! Das Nest erwittre ich. Schlüpfe in den Spalt. Nestlinge taste ich im Warm. Feucht die Luft und der Geruch der Tohu sickert durch den Spalt. Dort säubre ich, ducke mich. Finstrum ist; Täubnis...
 

Im Finstrum schnuffle ich, renne über das Ebne! Warm wischt Luft über mich. Ducken! Lebes riecht! Ich schaufle!: ein Brocken, hautig-zäh, dran stinkt lebes Fleisch der Tohu. Vom trocknen Staub säubre ich mich. Nirgends wittert Flucht; kein Rütteln ist spürbar aus dem Ebnen.

Warmes Finstrum streift mich die Luft der Tohu. Über das rillige Rauh renne ich. Ducken! Ein Duft! dunkler Duft zu einem Nestling! Zum End schnüffelt es mich, nach dem dunklen Duft! Den Nestling koste ich vor mir! Ich ducke. Warm ist und Feucht! - Oben, an den Seiten fuschelt sanft auf mich der Nestling. Ich steife. Klamm, im sachten Strom der Luft, fühle ich den Nestling. Samenschmackig, flirrig fuschelt er um mich; duckt; steift neben mir. Ich krieche. Hinten duftet's mir!: Starren. Ich sitze starr. Das Feucht schmeckt nach Nestling. In mich flöße ich's. Ein Rütteln! im Ebnen. Regung der Tohu, die schüttert. Doch Finstrum ist! Die kühlen Samen flöße ich in mich. Und Rennen, entlang am End! Ducken! Nichts tastet, wittert Flucht! Lebes! knackig-morsch! Ich schaufle, schaufle! Drin ist die Ruchspur der Tohu. Licht! Ducken! Trockne Splitter von Licht! Kein Rütteln spürt zu Flucht! Ich steife. Satt und warm wittre ich zum Nest.
 

Es preßt! preßt in mir! Feuchte Flecken sauge ich vom rauhen Ebnen, säubre mich unten. Finstrum ist; kein Ruch von Gefahr. Das Pressen! Ich renne, renne zum End! Ins Nest schnüffle ich, zwänge mich durch den Spalt.

Feucht und Warm ist das Nest! Ich krieche über Staub, hin zum End. Hinten säubre ich mich und unten. Es preßt! preßt mich! Ans End drücke ich mich hinten; presse! aus mir. Ich krieche; presse! aus mir, presse! drücke ans End. - An den Spalt krieche ich, ins Warm und Feucht der Luft. Finstrum, schütterungslos! Ich säubre mich; steife. Täubnis...
 

Es quetscht! quetscht mich! Feuchtes Finstrum sickert durch den Spalt. Die Nestlinge harren. Das Quetschen! Hinaus zwänge ich, renne entlang am End. Ducken! Wittern! Kein Ruch von Flucht, kein Rüt-teln! Auf mich wischen, wechsellos, die Luftstöße; drin der Duft der Tohu.

Ich schaufle! schaufle Lebes, matschig-naß! Rüt-teln! Ich renne! ducke! Doch es ist Finstrum. Weh das Quetschen! Nicht Lebes, nicht Gefahr wittre ich! Rennen muß ich! Rennen und schnobern!

Ducken! Es quetscht! Das Ebne bekoste ich. Rütteln! Brocken scheppern gegen mich! Ducken! Licht!! Licht der Tohu! feucht und dunkel! Ich steife! Ducken! Luftstöße reiben über mich! Schlag! Ich knicke ein unten! Staub fetzt! Stampfschwanken bebt im Ebnen! Licht! blindend! Ich rasche! rasche weg! Ducken! Schlag!: ich schleudre! rolle oben unten! Raschen! Es schüttert! Raschen weg vom Licht! Raschen! Ducken! Raschen! Plötzlich ist Finstrum, eine Spur, über mir. Beben!: HIEB  pflatscht. Regungslosigkeit. Alles stinkt nach mir. Nicht Licht. Nicht Finstrum. Was?

Ein Café-Dialog  

Ein naßkalter Morgen läßt die wenigen Menschen, die an den Straßenrändern gehen, sich sputen. Eine alte Frau kommt in eine Bäckerei zu einigen Besorgungen. Es gibt dort ein Hinterzimmer, in das ein kleines, recht spartanisch eingerichtetes Café gequetscht ist. Die Frau, mit kopftuchumhülltem Gesicht, dem zwischen seiner Überfülle von Runzeln stetig ein Lächeln anhaftet, wirft einen Blick durch den trennenden Vorhang hinein. In die hintere Ecke zurückgezogen entdeckt sie den einzigen Gast, offensichtlich ein Gymnasiast, der hier eine Frei- oder Schwänzstunde mit einem Glas Rotwein und einem Stück Schwarzwälder Kirschtorte feiert.
- Ganz allein sind Sie hier, beginnt sie grußlos-freundlich; da kriegen Sie auch wenigstens keinen Streit.
- Genau! meinte der Angesprochene mit kurzem Aufblick und unterdrücktem Kopfschütteln.
Die alte Frau schiebt den Vorhang zurück, packt ihre Sachen zusammen und geht mit dem Klingeln der Ladentür.